Ikonenmalerei Kirsten Voß


Bemerkungen zur Ikonen-Weihe

Die Ikonenweihe scheint sich im westeuropäischen Raum zu einem echten Diskussionsthema entwickelt zu haben. Oft werde ich gefragt, ob denn meine Ikonen auch geweiht worden wären? Dahinter steckt die unausgesprochene Vermutung, dass ohne priesterlichen Segen eine Ikone keine solche sei, weniger Wert habe oder zumindest unvollständig sei.

Das ist, ich möchte es hier in aller Deutlichkeit sagen: Unsinn.

Ikone - geweiht durch NamensbeschriftungLaut griechischer Orthodoxie wird eine Ikone eindeutig, sobald der Name des oder derjenigen der darauf abgebildeten Person oder Personen auf selbiger Tafelvorderseite aufgeschrieben wurde. Dahinter steckt der Gedanke: Der Name ist Heilig. Ohne Beschriftung einer Ikone mittels Namen oder Themenbezeichnung, beispielsweise: “Der Heilige Nikolaus”, oder “Die Heiligen Kosmas und Damian” wäre eine Ikone also keine Ikone. Dabei kann der Name durch Abkürzungen (Abreviaturen) verkürzt werden. Auf manchen Ikonen ist zusätzlich noch ein Thema oder Titel aufgeschrieben, aber dies ist nicht in jedem Fall zwingend notwendig.
Ein Ausnahme bilden alte Ikonen, wo der Name zwar ursprünglich aufgeschrieben wurde, aber im Laufe der Zeit abgenutzt oder durch Beschädigung unleserlich wurde. Selbstverständlich handelt es sich in diesem Fall ebenfalls um Ikonen.
Im Beispiel rechts lesen wir in den oberen Ecken MHP OV (Mutter Gottes). Am linken Rand über der rechten Schulter Mariens steht ein Zusatz, welcher diese Ikone als die “Eleoussa” (die Barmherzige) bezeichnet. Der Name Christus ist in der üblichen Abkürzung IC XC über demselben aufgeschrieben.

Des weiteren stoßen wir an dieser Stelle auch auf zwei Unterscheidungsmerkmale zwischen “Ikonen” (östlich) und “Heiligenbilder” (westlich):
erstens: Ikonen sind immer beschriftet, Heiligenbilder sind es in der Regel nicht.
zweitens: Die Heiligen sind auf orthodoxen Ikonen immer anhand ihrer Attribute und zumeist anhand festgelegter Farben eindeutig identifizierbar; selbst ihre Haltung ist dabei nicht beliebig. Hingegen verwenden die Maler westlicher Heiligenbilder viel größere, eigene Interpretationsspielräume in ihren Abbildungen.

    Tipp: Da Sie - wenn Sie dies lesen - ja bereits im Internet sind: googlen Sie einmal unter “Bildersuche” den Begriff Ikonen und werfen Sie einen schnellen Blick auf die kleinen Bilderergebnisse - und dann googeln Sie einmal Heiligenbildmalerei. Sie werden auf einem Blick den Unterschied zwischen beiden “Arten der Abbildungen von Heiligen” sofort bemerken.

Wie kommt es nun aber zur Frage “geweihte oder nicht-geweihte Ikone”?
Eine meiner Vermutungen ist: Der Zusatz “geweiht” hat sich zu dem verkaufsfördernden Argument entwickelt. Auch einige Klöster und Malschulen heben sich hier unlöblich hervor und bezeugen ihre Unwissenheit bezüglich der “Weihe” von Ikonen (oder ihre Verkaufstalente), indem sie in ihren Angeboten u.a. eine Ikonenweihe anbieten. Ebeno halten einige Kunsthändler den Zusatz “geweihte Ikone” offensichtlich als Verkaufsargument in ihrem Repertoire, denn sie kennen die Eitelkeiten ihrer Kundschaft. Andere Klöster benutzen den Beisatz “geweihte Ikone” auf ihren Aufklebern, die rückseitig der Ikonen aufgeklebt wurden und erhoffen sich damit vermutlich ebenfalls mehr Bedeutung und finanziellen Umsatz.

Fassen wir zusammen:
Eine Ikone als “geweihte Ikone” zu bezeichnen ist ebenso überflüssig
wie der Beisatz auf einer Tüte Gummibärchen “ohne Fett”.
aber: Liest sich gut und verkauft sich besser!

Dabei steckt die Sehnsucht nach etwas Besonderem doch im Menschen, oder?! Gläubige haben manches mal das Bedürfnis, ihre Ikone zu etwas ganz Besonderem zu machen, obwohl sie es ja ohnehin ist. Daher tragen sie die Tafel zusätzlich in den Gottesdienst, um auf diese Weise die Ikone abermals zu segnen, zu weihen, und sich selbst einzustimmen auf die unendliche Heiligkeit, welche jede Ikone repräsentiert: die Anwesenheit Gottes.
Ikonen im Altarraum
In der orthodoxen Kirche ist es daher nicht unüblich, eine neue Ikone 40 Tage im Altarraum zu belassen mit dem Gefühl, etwas von der Liturgie, vom Weihrauch, vom Segen durch die Kirche auf die Ikone übertragen zu bekommen. Das ist eine schöne Handlung, die ein jeder in der Kirche seines Vertrauens in Absprache mit dem Priester, Pastor, Popen, oder Pappas ausführen kann.

Noch etwas: Im weiterem Sinne auch Vorgänger von Ikonen waren die römischen Kaiserstatuen. Wo eine solche stand, war der Kaiser persönlich (!) anwesend. Es konnten also Verträge usw. unter einer Kaiserstatue geschlossen werden. Das Volk musste der Kaiserstatue dieselbe Ehre erweisen, als ob dieser leiblich anwesend sei. Ähnlich halten wir es mit Ikonen: wir betrachten die Heiligen als anwesend und erbringen ihnen unsere Verehrung (nicht Anbetung!). Verträge werden natürlich nicht unter Ikonen abgeschlossen - jedenfalls ist mir dies nicht bekannt.

Jetzt stellt sich noch einmal die leicht zu beantwortende Frage:
Muss ein Heiliger noch zusätzlich geweiht werden?
Wohl kaum.

Über das Wesen einer Ikone außerhalb der Orthodoxie zu schreiben ist schwer, denn orthodoxe Gläubige haben ihr Leben lang ein ganz natürliches Verhältnis zu ihnen aufgebaut. Sie müssen nichts erklären oder intellektuell umschreiben, weil sie das Mysterium mittels ihres Herzens erleben, welches sich durch Ikonen erfahrbar macht. Doch genau dies ist die Faszination einer jeden Ikone: Sie spricht zu Jedem, der seinen Verstand für einen Moment beiseite stellt und bereit ist mit seinem Herzen zu empfangen.

Anmerkung: Nur die slavische Orthodoxie kennt bis heute tatsächlich Ikonenweihen. Dies könnte der Tatsache geschuldet sein, dass sich dort im Laufe der Zeit ein regelrechter Ikonenboom ereignete: Ganze Malerdörfer stellten Heilige Bilder her und verkauften diese außerhalb der Kirche. Damit die Kirche die Kontrolle über diesen Handel halten konnte (fachgerechte Herstellung, aber vielleicht auch ein finanzieller Nutzen), mussten fortan alle neuen Ikonen durch einen Priester geweiht werden.

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