Ikonenmalerei Kirsten Voß


Theorie - Orthodoxe Ikonographie

Lesen Sie im Folgenden einen Artikel von Photis Kontoglou (1895-1965) über Sinn und Wesen der orthodoxen Ikonographie. Ich habe diesen Artikel für Sie ausgewählt, weil ich nicht besser ausdrücken könnte, was Photis Kontoglou (Ikonenmaler, Sänger und spiritueller Schriftsteller) so äußerst treffend über die byzantinische Ikonenmalerei schrieb.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung vom Verleger Johannes A. Wolf “Der schmale Pfad” - orthodoxe Quellen und Zeugnisse. www.orthlit.de  Quelle: “What Orthodox Iconography Is” (“Was Orthodoxe Ikonographie ist”) by Photis Kontoglou, translated from Greek by Holy Transfiguration Monastery, St. Necatarios Press, Seattle, Washington, 1996
ins Deutsche übertragen von Alexander S. Iliadis, 2008 - Fettdruck-Hervorhebungen durch Kirsten Voss

Dies ist der Grund dafür, weshalb ihre Werke weder das Mysterium beinhalten, noch irgendeinen wahren spirituellen Charakter haben. Du erkennst, vor dir siehst du Menschen, die als Heilige maskiert sind – aber keine echten Heiligen. Betrachte die verschiedenen Bilder der Mutter Gottes, die „Madonnen“, die heuchlerisch posieren, und jene, die Tränen weinen, die noch abwegiger sind. Leichen und Abgötter für geistlose Menschen. Unser Volk, das jahrhundertelang eine große und profunde Erziehung durch den wahren christlichen Glauben erfuhr, obwohl es äußerlich ungebildet schein, nannte eine Frau, die vortäuscht, anständig zu sein, aber dies in Wahrheit nicht ist, eine Frankopanagia, eine Fränkische (Allheilige) Jungfrau und somit machte einen klaren Unterschied zwischen der Fränkischen Jungfrau der wahren Jungfrau, der Mutter Christi unseres Gottes, der asketischen Odigitria, die Ehrwürdiger als die Cherubim und unvergleichlich herrlicher als die Seraphim ist. Mit anderen Worten, es unterschied auf sehr einfache und genaue Weise zwischen der Kunst der Welt und der zur Anbetung gehörenden Kunst.

Westliche Maler, die in Heiligenbildern die übernatürlichen Visionen der Religion abbilden wollten, nahmen als Modelle bestimmte natürliche Phänomene – Wolken, Sonnenuntergänge, den Mond, die Sonne mit ihren Strahlen. Mit diesen versuchten sie, die himmlische Herrlichkeit und die Welt der Unsterblichkeit zu porträtieren, wobei sie bestimmte Dinge als spirituell bezeichneten, die lediglich sentimental und emotional sind, keineswegs geistig.

Das ist allerdings vergeblich. Denn die Seligkeit des anderen Lebens ist weder die Fortsetzung der emotionalen Fröhlichkeit dieser Welt, noch hat sie irgendeine Relation zu der Befriedigung, welche die Sinne in diesem Leben genießen. Der Apostel Paulus spricht von den guten Dingen der künftigen Seligkeit und sagt, dass sie kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen sind.

Wie kann dann jene Welt, die jenseits von allem liegt, was ein Mensch durch seine Sinne zu begreifen vermag – wie kann diese Welt durch eine Kunst porträtiert werden, welche natürlich ist und auf die Sinne zielt? Wie kann man das malen, was die Natur übertrifft und den Sinn übersteigt?

Sicherlich wird der Mensch Elemente der wahrnehmbaren Welt entnehmen, der Sinne wegen, aber, um imstande zu sein, das, was den Sinn übersteigt auszudrücken, muss er diese Elemente entmaterialisieren, er muss sie auf eine höhere Ebene hinaufheben, genauso wie der Glaube die menschlichen Emotionen vom Fleischlichen ins Geistige umwandelt. „Ich sah“, sagt der hl. Johannes Klimakos, „manche Männer, mit  Leidenschaft der fleischlichen Liebe hingegeben, doch als sie das Licht empfingen und den Weg Christi nahmen, verwandelte sich durch Gottes Gnade diese heftige, fleischliche Lust in ihnen in eine große Liebe zum Herrn.“

Demnach wurden sogar die materiellen Elemente, welche die byzantinische Ikonographie der Welt der Sinne entnahm, übernatürlich und in geistige Gegebenheiten umgewandelt, und da sie durch die reine Seele eines Menschen, der in Übereinstimmung mit Christus lebte – wie Gold durch das Feuer im Prozeß der Veredelung – hindurchgegangen waren, vermochten sie, soweit dies möglich ist für einen Menschen, der einen materiellen Körper trägt, das zum Ausdruck zu bringen, von dem der Apostel Paulus sprach: was kein Auge gesehen hat und in keines Menschen Herz gekommen ist.

Die Schönheit der liturgischen Kunst ist keine fleischliche Schönheit, sondern eine spirituelle Schönheit. Das ist der Grund, weshalb jeder, der diese Kunst nach weltlichen Normen beurteilt, sagt, dass die Figuren der byzantinischen sakralen Malerei hässlich und abstoßend seien, während sie für einen Gläubigen die Anmut des Geistes besitzen, welche als die schöne Umwandlung bezeichnet wird.

Der Apostel Paulus sagt: Wir (die das Evangelium verkünden und in Übereinstimmung mit Christus leben) sind Christi Wohlgeruch unter denen, die gerettet werden, wie unter denen, die verloren gehen. Denn einen sind wir Todesgeruch, der Tod bringt; den anderen Lebensduft, der Leben verheißt [2 Kor 2,15-16], d.h.: „Für jene, die in sich den Geruch des Todes (des Fleisches) haben, riechen wir nach Tod; und für diejenigen, die in sich den Geruch des Lebens haben, riechen wir nach Leben.“

Und der selige und geheiligte Johannes Klimakos berichtet: „Es war ein Asket, der jedes Mal, wenn er einen schönen Menschen sah, ob Mann oder Frau, den Schöpfer dieses Menschen von ganzem Herzen verherrlichte, und seine Liebe zu Gott wurde durch seinen Blick neu entfacht, und er vergoß seinetwegen einen Brunnen von Tränen. Es staunte aber jener, der das Geschehen sah, dass das, was die Seele eines anderen mit unreinem Geruch erfüllen würde, für diesen Menschen zur Ursache ruhmvoller Kränze und zum Aufstieg über die Natur hinaus geworden war. Wer Schönheit in solcher Art wahrnimmt, ist schon unzerstörbar, sogar schon, bevor die Toten bei der gemeinsamen Auferstehung auferstehen werden.

Photis KontoglouPhotis Kontoglou spielte in der griechischen Orthodoxie im zwanzigsten Jahrhundert eine Hauptrolle in der glorreichen Rückkehr zur traditionellen Byzantinischen Ikonographie.

Der Glaube, den Christus gebracht hat, ist die Offenbarung der Wahrheit durch ihn. Und diese Wahrheit ist die Erkenntnis des wahren Gottes und der geistigen Welt. Aber die geistige Welt ist nicht das, was die Menschen geistig zu nennen pflegen – wie das auch heutzutage der Fall ist.

Christus nennt den Glauben, der Er vermittelt, neuen Wein und Brot, das vom Himmel herabkommt. Der Apostel Paulus sagt: Daher, wenn jemand in Christus ist, ist er eine neue Schöpfung. Das Alte ist vergangen; siehe, alles ist neu geworden.

In einem Glauben wie diesem, der aus dem Gläubigen einen neuen Menschen macht, ist alles neu. Ähnlich die Kunst, die graduell aus dem Geist dieses Glaubens Form annahm und erfunden wurde, um sein Mysterium auszudrücken. Sie ist eine neue Kunst, sie ist wie keine andere, genauso wie der Glaube, den Christus gebracht hat, wie kein anderer ist, allem zum Trotz, was manche sagen mögen, die den Blick nur auf bestimmte inhaltslose Äußerlichkeiten richten.

Die Architektur dieses Glaubens, seine Musik, seine Malerei, seine sakrale Dichtkunst, insofern sie von materiellen Mitteln Gebrauch machen, nähren die Seelen der Gläubigen mit Geist. Die mit diesen Mitteln hervorgebrachten Werke sind wie Stufen, die die Seele von der Erde zum Himmel führen, von diesem irdischen und vergänglichen Zustand zu jenem, der himmlisch und ewig ist. Dies geschieht in dem Maße, wie es der menschlichen Natur möglich ist.

Aus diesem Grund sind die Künste der Kirche anagog, d.h. sie erheben natürliche Phänomene und übergeben sie der schönen Verwandlung. Sie heiße auch liturgische Künste, weil der Mensch durch sie das Wesen der Liturgie kostet, durch die Gott angebetet und der Mensch wie zu den himmlischen Heerscharen zugehörig wird und unsterbliches Leben wahrnimmt.

Kirchliche liturgische Malerei, die Malerei der Anbetung, hat ihre Form vor allem aus Byzanz erhalten, wo sie als mystische Arche des Glaubens Christi bestehen geblieben ist und als Hagiographia oder sakrale Malerei bezeichnet wurde.

Wie bei den anderen Künsten der Kirche besteht das Ziel der Hagiographie nicht darin, unserem sinnlichen Sehvermögen Genuss zu verschaffen, sondern dieses in ein spirituelles Empfindungsvermögen umzuwandeln, so dass wir in den sichtbaren Dingen dieser Welt das sehen dürfen, was diese Welt übersteigt.

Demzufolge ist diese Kunst nicht theatralisch illusionistisch. Illusionistische Kunst kam in Italien ins Dasein während der sogenannten Renaissance, denn solche Kunst war Ausdruck eines Christentums, welches, durch Philosophie verzerrt, eine materialistische, weltliche Form von Wissen geworden war. Sie war eine Ausdrucksform der westlichen Kirche, die ein weltliches System geworden war. Und genauso wie jene (westliche) Theologie der Philosophie der Menschen der Antike folgte, ebenso folgte die Malerei, welche diese Theologie ausdrückte, der Kunst der antiken Götzendiener. Diese Epoche heißt Renaissance und trägt diese Bezeichnung zu Recht, denn sie war tatsächlich nichts anderes als eine Wiedergeburt der antiken fleischlichen Denkweise, die jene der heidnischen Welt gewesen war.

Aber genauso wie jene Theologen durch die schlammigen Sumpfgewässer der Philosophie wateten und nicht in der Lage waren, das klare frische Wasser des Evangeliums zu kosten und zu verstehen – zum ewigen Leben hinaufgezogen zu werden -, ebenso waren die Maler, die die Renaissance bewirkten, nicht in der Lage, die mystische Tiefgründigkeit der östlichen liturgischen Ikonographie, die sakrale Kunst Byzanz´, zu verstehen. Wie die Theologen dachten, sie könnten den Glauben Christi mittels der Philosophie perfektionieren, da er ihnen zu simpel erschien, und sie nicht in der Lage waren, in die Tiefen dieser göttlichen Einfachheit einzudringen, dachten ebenso die Maler, sie würden die liturgische Kunst – das heißt, einfach gesagt, die byzantinische – perfektionieren, indem sie diese „naturalistischer“ machten.

So gingen sie an die Arbeit, wobei sie das, was der Natur entsprach – Gesichter, Kleider, Gebäude, Landschaften, wie diese natürlich vorkommen -, kopierten und eine Ikonographie mit demselben Rationalismus schufen, mit dem auch die Theologen Theologie schaffen wollten. Einzig eine solche Art von Theologie, die man aus dem Rationalismus gewinnen kann, entspricht genau jener Art von Ikonographie, die durch das Kopieren der Natur geschaffen wird.
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