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Marien-Szenen - Darstellungen aus dem Leben der Gottesmutter

 Die Verkündigung
genauer: Die zweite Verkündigung

Evangelismos - die VerkündigungDie Verkündigung ist seit dem 5. Jhd. eine sehr beliebte Ikone im griechischen Raum. Überhaupt haben die Marienikonen in Griechenland großen Beliebtheitswert - denn wohl jeder Grieche hat sich in Zeiten seiner größter Not vertrauensvoll an Sie gewendet. “Panagia mou!” - das ist ein auf Kreta und (wohl auch im übrigen Griechenland) allseits beliebter Ausdruck und bedeutet: meine Allheilige! Es wird an ähnlichen Stellen ausgerufen, wo wir uns mit “mein Gott” empören, “ach du meine Güte”  oder ein “Gott hilf mir!” stöhnen.

Nur wenige Ikonen stellen die Verkündigungsszene Mariens am Brunnen dar, wo ihr der Erzengel Gabriel zum ersten Mal erschienen ist. Erst die zweite Begegnung Mariens mit dem Erzengel Gabriel beim Purpurspinnen ist die geläufige Darstellung auf Ikonen Jeder kennt die Verkündigungsikone auch auf Kreta genau, und wenn ich frage: Was hält der Verkündigungsengel Gabriel in seiner Hand? lautet die Antwort: eine Lilie!

525 Verkündigung MariensSchauen wir uns die Ikone einmal genau an: weit und breit keine Lilien zu sehen - und doch: zumindest für die Kreter ist eine Lilie unumgänglich. Auch wenn sie auf keiner mir bekannten byzantinischen Ikone vorkommt.
Das Liliensymbol ist erst viel später als Symbol der Reinheit (Farbe: weiß) hinzu gekommen. Und ersetzte den Stab, den Gabriel eigentlich in seinen Händen hält. Der Stab ist das Zeichen seines göttlichen Auftrags der übermittelten Botschaft von der Empfängnis Mariens.
Dies ist ein schönes Beispiel von gelebten Veränderungen byzantinischer Ikonen hin zur Volksmalerei, wobei letztere bisweilen sehr viel Gewicht bekommen kann, sodass sich bald kein Ikonenmaler mehr traut, dem Gabriel seinen Stab zu lassen (und auf die Lilie zu verzichten), weil alle Betrachter sofort ein “falsch!” ausrufen würden und ihre Lilie vermissen würden. “Was habe denn der Gabriel da für ein olles Schilfrohr in der Hand?!” - wurde ich tatsächlich einmal entsetzt gefragt.

Verkündigung MariensBisweilen ist der Verkündigungsszene auch eine Vase beigefügt, und Sie, liebe LeserInnen können sich nun sicher denken, welche Blumen darin zu sehen sind. Die zweite Person (immer rechts) dieser Ikone ist natürlich die Mutter Gottes, die auf Altartüren stehend, auf tragbaren Ikonen meist sitzend dargestellt wird. Auf byzantinischen Ikonen sitzt die heilige Maria auf einem schlicht verzierten Schemel mit einem kleinen Fussbänkchen davor. Mit ansteigenden Jahrhunderten wurden diese Möbel von den Ikonenmalern immer mehr ausgeschmückt und später bekam der Sitz auch eine Rückenlehne, aus Holz gedrechselte Verzierungen und andere Schnörkeleien hinzu, bis er zu einem regelrechten Thron mutiert war. Die Schlichtheit der ursprünglichen Ikonenverehrung mündete verständlicherweise in einem ehrgeizigen Jubel malerischer Fingerfertigkeiten seitens der Ikonenmaler und ihrer begeisterten Auftraggeber.
All dies zeigt uns, dass die Ikone der Verkündigung Mariens immer allergrößte Verehrung und Beliebtheit genoss und noch immer genießt.

Eher selten entdeckt man noch eine dritte Person auf dieser Festtagsikone. Es ist ein kleines Mädchen, eine kleine Magd, eine andere Bewohnerin des Tempels, in dem Maria und ihre unbefleckten Mitschwestern den Auftrag erhielten, einen neuen Tempelvorhang zu spinnen.
Spätestens hier wird uns klar, dass viele Details auf Ikonen aus den Apokryphen stammen, so wie diese Geschichte aus dem Proto-evangelium des Hl. Jakobus:

Loset also, wer das Goldene und den Bergflachs und das Baumwollende und das Seidene, das Hyazinthblaue und das Scharlachrote sowie den echten Purpur spinnen soll!"

Diese kleine Mädchen veranschaulicht die Darstellung im erzählerischen Sinne genauso wie im Bedeutungszusammenhang. Da sie um soviel kleiner abgebildet ist, verdeutlicht sie damit die Größe der Mutter Gottes für uns alle. Vielleicht fungiert sie auch als Zeuge, als Zeitzeuge dieser so bedeutsamen Botschaft. Darüber hinaus ließ man damals seine unbefleckten Töchter auch sicher nicht allein; noch heute ist uns der etwas saloppe Begriff “Anstandswauwau” geläufig: gemeint ist ein Wächter (oder Wächterin) über Sitte und Anstand.

Das dritte, wichtige Element ist die Taube, die auf einem Strahl aus einer Wolke herausfliegt. Gemeint ist der Heilige Geist, der Maria “begeistern” wird mit dieser frohen Botschaft. Noch heute erleben wir “Begeisterung”, wenn uns Gutes widerfährt. Doch eben noch ist Maria dieser Gemütszustand fern, denn sie schau eher bestürzt, erschrocken und “nicht doch - ich?” denkend drein, bevor sie ihr Schicksal mit Leben erfüllen wird - zu unser aller Erlösung.

Anmerkung:
Auf einigen Verkündigungsikonen wird eine lesende Maria, teils auch in betender Haltung, dargestellt. Sicher stammten die Töchter, die damals von ihren Eltern zur Ausbildung in einen Tempel gegeben wurden, aus gutem Hause. Im Tempel erlernten sie neben der Hausführung auch lesen und schreiben. Damit wurden sie (nach damaligen Maßstäben) zu gebildeten Frauen. Natürlich ist es besonders für die Frauenbewegung und die Emanzipation der Frau interessant und legitim, diesen Aspekt unserer Mutter Gottes genauer zu betrachten.
Dieses Detail gibt es in der byzantinischen Ikonenmalerei bis heute jedoch in der orthodoxen Kirche nicht - und das ist auch gut so. Ich hielt mehrere Gespräche mit Popen und anderen Geistlichen darüber und erfuhr die orthodoxe Haltung zur lesenden Maria. Erstens konnte es sich noch nicht um das Evangelium handeln, denn die Christusgeschichte mußte ja zuvor gelebt werden. Zweitens solle nicht der Intellekt Mariens angesprochen und betont werden, denn der ist ja in der Geschichte der Kirche stets mit einem Dünkel versehen. Man denke an den Baum der Erkenntnis im Paradies oder an die Heilige Katherina, die ihre Bücher der “Verlobung mit Christi” opferte.
Wissenschaft und Intellekt dienen jeher dem Erkennen, und damit der Kontroll-Möglichkeit von Situationen und Zuständen. Hingegen wird das Empfinden, das sich-Hingeben und Vertrauen-haben auch in das Unvorstellbare auf dieser Festtagsikone der Verkündigung Mariens in den Vordergrund gestellt. Eigenschaften, die für einen lebendigen Glauben unumgänglich sind und die uns Maria mit ihrer Reaktion auf die Botschaft des Engels deutlich machen möchte.
 

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