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1. Meine Begegnung mit Heiligen (von Wolfgang Hohensee)

Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, so hat meine religiöse Entwicklung aus heutiger Sicht mit Prägung und Fügung zu tun. Wie oft in einem Menschenleben war es eine einfache Berührung - meist in der Kindheit -  die später vieles in Gang brachte. Meine Mutter betete abends mit uns Kindern: „Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein.“ Später, so entsinne ich mich, habe ich mich als Kind in die St. Johanniskirche am Turmweg in Hamburg-Harvestehude geschlichen, um dort alleine das Vaterunser zu beten und dann die Kirche schnell wieder zu verlassen, denn irgendwie kam mir die Größe und Dunkelheit unheimlich vor. Ganz selbstverständlich nahm ich mit 13 Jahren am Konfirmandenunterricht teil, der mir aber in nicht allzu guter Erinnerung ist, zumal ich eher zu den schwierigeren Konfirmanden gehörte.

Mit 16 Jahren kam ich in Kontakt mit einer Freikirche, die mich in meinem Denken und Handeln sehr geprägt hat, denn nunmehr wurde über den persönlichen Bezug zum Glauben gesprochen. Mir erging es so wie Hesses „Siddhartha“, dem erst durch die Begegnung mit dem Fährmann Vasudeva begreifbar wurde, dass Weisheit nicht durch Lehren sondern durch Erfahrung erlangt wird.

Nach meiner Ausbildung zum Industriekaufmann leistete ich mit 21 Jahren meinen Zivildienst in einer katholischen Kirchengemeinde, und es entstand ein freundschaftliche Beziehung zum dortigen Pfarrer. Daraus ergab sich eine Anstellung als Gemeindehelfer. In diesen sechs Jahren meiner Beschäftigung dort nahm ich vor allem die unterschiedliche liturgische Gestaltung der Messen und ein anderes Amtsverständnis zwischen der katholischen und protestantischen Kirche wahr. Das Beten für Verstorbene, das Einbeziehen von Heiligen und die große Wertschätzung gegenüber Maria, der Mutter Jesu, waren mir fremd. Dennoch faszinierte mich das Geheimnis der Heiligkeit, der Heiligen und ihrer Verehrung, und schon bald kaufte ich mir eine Biographie der Heiligen.3

Durch das anschließende Theologiestudium hat sich mein Blick geweitet, und es entwickelte sich ein kritisches Urteilsvermögen. Die Frage nach der persönlichen Spiritualität blieb uns Studenten damals selbst überlassen. Dennoch war mir –besonders auch durch die freikirchliche Prägung- klar, dass ich als Pastor darüber nachzudenken habe, was es denn heißt, im Alltag meines Lebens Christ zu sein, also Antwort darauf zu geben, wie sich mein Glaube auf meine eigene Existenz bezieht.

In der pastoralen Arbeit blieb in den nächsten Jahren kaum Zeit, sich intensiver mit der eigenen Spiritualität auseinander zu setzen, aber ich spürte in mir ein Verlangen, mehr Zeit und Ruhe für ein kontemplatives Gebetsleben zu finden. Es war das Suchen nach Einfachheit und Unmittelbarkeit als Ausgleich zur technischen, komplizierten und hektischen Welt. Im Urlaub schrieb ich Bücher über Stille und spirituelles Fasten4, aber im Nachhinein ist mir klar geworden, dass ich diese mehr aus einer inneren Sehnsucht statt aus einer gelebten Praxis heraus geschrieben habe. Durch eine Wanderung allein in den Dolomiten sowie die Teilnahme am Pilgern auf dem Jacobsweg richtete sich mein Blick mehr und mehr auf mein inneres Ich. Mich beschäftigte die Frage, ob ich im pastoralen Alltag und in der Zersplitterung und Zerrissenheit, zu denen der heutige Existenzkampf oft führt, meinen Glauben verwirklichen kann.

Auch ich spürte: Die Kirche ist in die Krise gekommen. Der Hunger nach Spiritualität, nach der Erfahrbarkeit Gottes, ist in den letzten Jahren in unserer Gesellschaft stärker geworden. Der Mensch der Zukunft, so hat Karl Rahner, der große katholische Theologe gesagt, wird ein Mystiker sein oder ein Heide. Ein solch großes Wort würde ich nicht prophezeien, aber „in den Augen vieler und oft sehr ernsthaft bemühter Menschen eignen sich die Kirchen nicht mehr als Träger einer Hoffnung.“5 Immer häufiger werden die Stimmen, die von der Notwendigkeit einer mentalen und spirituellen Erneuerung von innen heraus sprechen. Kirche muss wieder eine zuhörende und dienende Kirche werden. „Um authentisch zu sein, muss sie evangeliumsgemäßer werden, nicht protestantischer.“6 Vor allzu großem Pessimismus sei gewarnt und daran erinnert, dass Jesus seinen Anhängern an keiner Stelle des Neuen Testaments verheißen hat, eine große, prächtige, einflussreiche und mächtige Weltkirche zu werden, sondern gesagt hat: „Fürchte dich nicht, du kleine Herde!“ (Lk 12,32)

Dennoch ist es nicht zu übersehen, dass die christlichen Kirchen durch eine ständig fortschreitende Verweltlichung an Einfluss abgenommen haben. Die Zeit schreit nach einem kontemplativen Gegenentwurf zum überaktiven und selbstzerstörerischen Klima der westlichen Gier- und Spaßgesellschaft.

Was Not tut, ist das Einlassen auf die Stille und die Erfahrung der Gegenwärtigkeit Gottes. Was Not tut, ist wirklich Salz in dieser Zeit zu sein, um das Christentum wieder schmackhaft zu machen. Es braucht heute Zugänge zu religiösen Erfahrungen.

Eine entscheidende Bereicherung und Neuorientierung war meine erste Reise nach St. Petersburg und die Begegnung mit der orthodoxen Liturgie und Frömmigkeit. Die „Kirche im Namen der Auferstehung Christi an der Stelle der tödlichen Verwundung des entschlafenen Kaisers Alexander II“ – so die offizielle Bezeichnung der Auferstehungskathedrale (Erlöserkirche auf dem Blute) hat mich zudem mit der farbenprächtig gestalteten Ikonostase, die aus farbigem italienischem Marmor angefertigt worden ist, fasziniert.

So besuchte ich nicht nur in St. Petersburg, sondern später auch in Hamburg orthodoxe Gottesdienste. „Angesichts des zunehmenden Verlustes an gelebter Religiosität in den Westkirchen betont die Orthodoxie gerade die Frömmigkeit als das zentrale Element. Orthodoxie wächst nicht aus der Theologie, sondern bedarf ihrer nur als eines Elementes, das Erfahrungen reflektiert und systematisiert, um wieder zur Erfahrung zu führen. Sinnfälliger Ausdruck dieses Ineinanders und Miteinanders von Theologie und Frömmigkeit ist die Vorstellung von der Vergöttlichung des Menschen als des Weges, den der Mensch hier auf Erden zurückzulegen hat.“7

Es fügte sich, dass ich vor 2 Jahren an einem Mystikseminar von Prof. Sabine Bobert teilnahm. Sie führte uns Teilnehmer in konkrete Techniken einer christlichen Mystagogik ein.8 Wie viele andere Menschen auch, fand ich dann Zugang zum Herzensgebet9 über die „Aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers“. Der Klassiker russisch-orthodoxer Spiritualität liegt in einer von Emmanuel Jungclaussen herausgegebenen vollständigen Ausgabe vor und erzählt die abenteuerlichen Erlebnisse aus dem Leben eines betenden Vagabunden, der in der unendlichen Weite Russlands heimatlos unterwegs ist auf der Suche nach seiner ewigen Heimat. Der Weg des Herzensgebet, den der russische Pilger hier einschlägt, führt in die mystische Tiefe, obwohl es dem Pilger in allen seinen Erlebnissen um nichts anderes als um das Wunder der gnadenhaften inneren Führung geht. Gebhard Frei spricht von einer unsichtbaren Gemeinde des russischen Pilgers, deren Mitglieder ihre Mönchszelle in sich trügen.10

Die Ursprünge des Jesus- oder Herzensgebets reichen bis in die meditative Praxis der ersten Christen zurück und knüpfen an die Übung der „ruminatio“ (Wiederkäuen) der Wüstenväter an. Letztlich ist das Herzensgebet ein Nachklang der altchristlichen Bemühung, Gott stets gegenwärtig zu haben, die Erinnerung Gottes “durch wiederholte Akte zu einer immerwährenden Bewußtseinshaltung zu machen und so alles im göttlichen Lichte zu sehen und zu tun.“11 Wer sich mit dem Herzens- oder Jesusgebet beschäftigt, stößt dann unweigerlich auf die Philokalie, das zentrale Lehrbuch des Hesychasmus.12

Die paulinische Aufforderung „Betet ohne Unterlass!“ (1 Tim 5,17) wurde mir mehr und mehr zur theologischen Existenz, indem ich versuche, mein „Tun und Lassen“, mein „Reden und Schweigen“ bewusster wahrzunehmen und an vielen Zeiten des Tages innerlich dieses Herzens- oder Jesusgebet „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner“ zu sprechen. Ich praktiziere das Herzensgebet und fühle mich eingebettet in die Berührung durch das göttliche Geheimnis.

Im Mai 2012 besuchte ich für eine Woche die Benediktinerabtei Niederaltaich und führte Gespräche mit dem Altabt Emmanuel Jungclaussen, der in besonderer Weise im deutschen Sprachraum das Jesusgebet bekannt gemacht hat. „Der Hesychasmus ist eine Spiritualität, die wesentlich auf die Beschauung ausgerichtet ist. Er sieht die Vollkommenheit in der liebenden Vereinigung mit Gott (Vergöttlichung) durch das immerwährende Herzensgebet, zu der man durch die Hesychia gelangt.“ Dieses und auch andere Erlebnisse haben meinem Leben eine ganz neue Ausrichtung gegeben. Ich schreibe von dieser Gegenwart Gottes, obwohl es zugleich schwer ist, ein solches Erlebnis in Worte zu kleiden. Dennoch würde ich sagen: Glaube ist für mich ein Ergriffensein vom Unbedingten, was für mich auch in der Bedeutung des aramäischen „Abba“ anklingt.

Wer orthodoxe Kirchen betritt, wird zuerst durch die Ikonenvielfalt und der Ikonostase13 zum Staunen gebracht. Ikone meint das sakrale Bild der Ostkirche, das im orthodoxen Verständnis auf das sinnlich nicht wahrnehmbare Urbild hinweist. Ikonen sind Gegenstand der Verehrung. Das fällt in besonderer Weise durch das Verneigen der Gläubigen und das Bekreuzigen auf. Die Ikone gilt in der orthodoxen Kirche als Sakrament im Sinne eines Mysteriums. „Ein Mysterium aber ist etwas, in dessen Wirklichkeit man eintritt, von dessen Wirklichkeit man sich umfangen läßt. Sakramente als Mysterien sind also Tore, durch die man in besonders intensiver Weise mit der Göttlichen Gegenwart in Berührung kommt.“14 Eine theologische Darlegung zur Ikonentheologie gab der christlich-arabische Theologe Johannes von Damaskus (670-750). „Seine Bildertheologie erweist sich als mit der Christologie eng verbunden. Er wagte nur deshalb ein Bild des unsichtbaren Gottes zu malen, weil es das Bild des um unseretwillen durch Fleisch und Blut sichtbar gewordenen Gottes sei.“15

Man spricht von den Ikonen als dem Fenster zum Himmel. In ihnen erscheint die Wirklichkeit Gottes in der Metapher des göttlichen Lichtes. Das göttliche Licht wird auf dem Weg zum Menschen stufenweise schwächer. Auf der Ikone erscheint das, was nach menschlichem Verstehen eben noch zugänglich ist. Als ich in Berlin eine Ikonengalerie besuchte, sprach der Galerist wie selbstverständlich von der Ikone als anwesende göttliche Kraftquelle, die spürbar ist. Die Ikone als Träger der Göttlichen Gnade. „Es ist immer ein sehendes, fühlendes In-sich Aufnehmen des Dargestellten. Dies gilt nicht nur für Personen wie Christus, die Muttergottes und die Heiligen, sondern besonders für die Festtagsikone: Weihnachten, Ostern, Pfingsten usw. Man nimmt durch Anschauung, liebevolle Verneigung und durch Kuss etwas ´von der Seele der Ikone` in sich auf. Man trägt das Weihnachts-, Oster- oder Pfingstbild mit sich in der Seele und läßt sich so auf Dauer prägen und ´bilden`.“16

Mich haben diese Ikonen berührt. Letztlich geht es um die Erfahrung der Gottesgegenwart. Da Gottes Gegenwart nicht gedacht, sondern nur erfahren werden kann, bleibt auch jede schriftliche Fixierung hinter der Erfahrung zurück. So erschließt sich die Erfahrung ähnlich der eines Kindes. „Das Kind versteht die Bedeutung nicht, es nimmt die Atmosphäre wahr. Es kommt in die Kirche und spürt die Gegenwart Gottes durch die Liturgie hindurch, durch Schauen der Ikonen, durch Zeremonien, durch das Hören auf den Gesang des Gotteslobs, durch Gebete und Lesungen; es nimmt teil durch Bekreuzigen, Verbeugen, Verehrung der Ikonen, Entzünden von Kerzen, Kommunizieren mit Brot und Wein.“17

Durch die Beschäftigung mit der russisch orthodoxen Kirche stieß ich auf den letzten großen Heiligen, den man auch als den größten Starez des 19. Jahrhunderts bezeichnet hat: Seraphim von Sarow. Er war einer der bekanntesten russischen Mönche und Mystiker der Orthodoxen Kirche. In seiner konsequenten Lebensweise und in dem Ausleben von Extremen hat er mich in besonderer Weise angesprochen.

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Autor dieser Seite und mit freundlicher Genehmigung: Pastor Wolfgang Hohensee, Jahrgang 1955,
Gemeindepastor von 1990, seit 1993 in der Bugenhagenkirche in Hamburg-Rönneburg;
Autor verschiedener Bücher; Mitarbeiter im Vorstand des Pastorenvereins der Nordkirche
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